Großartiges Ensemble im Vier-Stunden-Stück: „Unendlicher Spaß“ in Recklinghausen

Recklinghausen. Was für ein Theater! Die Welt ein Irrenhaus, bevölkert von Menschen, die ihr Innerstes nach außen kehren. Unappetitlich oft, verstörend und abstoßend, erzählen sie ihre Lebensgeschichten, die der US-Amerikaner David Foster Wallace in seinem 1500-seitigen Kultroman „Unendlicher Spaß“ erfunden hat.
Eine vierstündige Bühnenadaption aus diesen kultur- und gesellschaftskritischen Einsichten hat Thorsten Lensing zusammen mit sechs wunderbaren Schauspielern inszeniert und am 24. Mai bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen vorgestellt.
Eine lange, kahle Betonwand über die ganze Bühnenbreite macht es sichtbar: Die Unfähigkeit zu wahrhaftiger Kommunikation lässt Menschen zu verqueren, angstvollen Wesen werden. Stattdessen bauen sie Mauern zwischen sich und dem wahren Leben auf, suchen ihr Heil in der Sucht und anschließend bei Therapeuten. Hal Incandenza (Ursina Lardi) zum Beispiel: Von klein auf muss er in der Tennisakademie seines Vaters Leistung bringen und verhärtet zu einem drogensüchtigen, beziehungsunfähigen Sarkasten. Sein jüngerer Bruder Mario ist als Frühgeburt von den unterschiedlichsten körperlichen Fehlbildungen gezeichnet, die André Jung so entwaffnend detailreich schildert, dass es einen schaudert – ein brachiales Stilmittel, das Autor Foster Wallace für seine gnadenlose Gesellschaftsbetrachtung fast schon zelebriert: Physisches, Körperliches wird zum Sinnbild für die psychische Deformation einer ganzen Spezies. Fast unerträglich ist das, wenn die namenlose Cracksüchtige (Jasna Fritzi Bauer) die Totgeburt ihres Kindes bis in die kleinste Grausamkeit ausführt. Man muss als Zuschauer schon einiges wegstecken können, um diese harte Textkost zu verdauen. Wem das gelingt, der kann zwischendurch immer wieder Luft holen, wenn zum Beispiel Devid Striesow sich für die körperlichen Ticks von Randy Lenz verrenkt, Sebastian Blomberg als Vogel in einen Whirlpool stürzt oder Heiko Pinkowski stimmgewaltig gegen die „pathologische Offenheit“ in Therapiesitzungen wettert. Auf die knallharte Analyse folgt allerdings leider kaum Perspektive. Liebe vielleicht, Zärtlichkeit und Mut zur Offenheit könnten Schlüssel sein. Mit dem Rest wird der Zuschauer alleine gelassen. Trotzdem erntet die Inszenierung begeisterten Applaus, den sich die sechs großartigen Darsteller mehr als verdient haben.

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