Bekloppte Genialität: Helge Schneider macht Quatsch

Münster.  Ein Stück einfach so durchspielen, das ist Helge Schneiders Sache nicht. Das wäre ihm und seinem Publikum zu langweilig. Man würde dann zwar seine bestechenden Qualitäten als Jazzpianist erleben können, aber nicht seine unbestechliche Freude an abstrus- anarchistischer Komik. Und vor allem die sorgte für 150 Minuten Dauerlachen in der fast ausverkauften Halle Münsterland, wo der Mühlheimer zusammen mit seinen genial-verschrobenen Bandkollegen Peter Thoms (Drums) und Rudi Olbrich (Kontrabass) mit dem Programm „Ene Mene Mopel“ kürzlich gastierte.
Das graukarierte Jackett sollte ihm wohl den Anschein von Seriosität geben, aber schon das übergroße, rote Einstecktuch sagt deutlich das Gegenteil. Wie der Anzug, so die Kunst – es geht nicht ohne einen Schuss chaotischen Klamauk: Schneider schlurft ein paar Schritte hoch auf eine Leiter, dem Publikum abgewandt, dreht sich plötzlich um, das halbe Gesicht mit einer weißen Maske bedeckt, jault ein paar dramatische Laute und sagt dann, ganz ernsthaft natürlich: „Meine Lieblingsszene aus Phantom der Oper“. Und auch vor Jazzklassikern macht Helge Schneiders bekloppte Genialität nicht Halt: Duke Ellingtons „Mood Indigo“ ist an sich schon ein Meisterwerk, dessen Qualität aber noch offensichtlicher wird, wenn der Interpret vorher aus verschiedenen Vibraphon-Schlägeln einen Blumenstrauß zusammensteckt. Jazz in Reinform also, ein Wechsel zwischen Standards und Improvisation. Dazu kommen verquere Geschichten, alte und neue Schneider-Songs, genial-verkorkste Stepp-Einlagen oder mal eben so rausgehauene, tiefgründige Weisheiten („Letzter werden ist auch einer werden“). Da sind Ovationen angebracht, denn wo darf man sonst schon nichts und niemanden ernst nehmen, auch sich selbst nicht. „Ene mene Mopel“ eben.
Markus Möhl

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