Pia Douwes glänzt als Norma Desmond: „Sunset Boulevard“ in Dortmund erntet ausgiebigen Premierenjubel

DORTMUND   Er war schon immer etwas sperrig, der „Sunset Boulevard“ aus der Feder von Musicalmogul Andrew Lloyd-Webber. Unter den Hauptfiguren dieses düsteren Stoffs, angesiedelt in der Filmwelt Hollywoods der 1950er Jahre, findet man nämlich statt echter Sympathieträger und wahrer Helden gescheiterte Existenzen. Auch musikalisch hat das 1993 uraufgeführte Musicaldrama bis auf wenige Ausnahmen kaum eingängige Ohrwürmer zu bieten. Im Dortmunder Opernhaus feierte „Sunset Boulevard“ am Samstagabend dennoch eine mit frenetischem Jubel bedachte Premiere. Der Grund ist relativ schnell auszumachen: Musicalstar Pia Douwes spielt die in die Jahre gekommene Hollywood-Diva Norma Desmond, einst gefeierter Stummfilmstar, mit einer enormen Intensität. Allein schon die optische Ähnlichkeit zu realen Größen der Traumfabrik ist frappierend: Mit stummfilmschwarz geschminkten Augen in eleganten Roben, lässt der holländische Musicalstar das typische Pathos der tonlosen Leinwandstreifen aufleben. Große Posen gelingen ihr dabei ebenso beeindruckend wie anrührende, verletzliche Momente, in denen die Desmond ihren Glanzzeiten nachtrauert.
Rolle und Darstellerin passen einfach perfekt zusammen, und das nutzt Regisseur Gil Mehmert aus, indem er das ganze Geschehen um die Auftritte seiner Hauptperson herum baut. Ansonsten setzt der Musical-Regieexperte, dem Dortmunder Publikum noch bestens von seinem experimentierfreudigen „Jesus Christ Superstar“- Erfolg im Gedächtnis, diesmal eher auf Bewährtes. Kaum Überraschendes, sondern solide Musicalkost bietet Mehmert an – in einem multifunktionalen Bühnenbild (Heike Meixner), das die verfallene Villa mit schwarzen Marmorwänden ebenso abbildet wie eine Bar oder ein Filmstudio. Kleine Einfälle wie eine Verfolgungsjagd im Auto, bei der die Schauspieler eine Stoßstange mit zwei Scheinwerfern tragen, oder das schnelle Zusammenbauen eines Limousinen-Vorderteils peppen die ansonsten effektarme Inszenierung auf, die auch einige dramaturgische Längen nicht kaschieren kann.
Neben Pia Douwes hat die Dortmunder Version des „Sunset Boulevard“ ein großartiges Ensemble versammelt. Allen voran Oliver Arno als erfolgloser Autor Joe Gillis, von dessen Unterstützung sich Norma Desmond ein Comeback in die Glamourwelt verspricht. Als singender Erzähler, fast immer auf der Bühne, treibt Arno das komplexe Drama mit einer beachtlichen Energie voran. Kammersänger Hannes Brock als stoisch-tragischer Butler und Normas Ex-Ehemann Max von Mayerling ist – wie immer in Dortmund – eine sichere, darstellerische Bank und passt, bleich geschminkt und im Frack an die Addams Family erinnernd, in die gruselig-verfallene Villa. Wietske van Tongeren gibt eine durchweg sympathische Betty Schaefer, der man ihre ehrliche und später enttäuschte Liebe zu Joe Gillis abnimmt. Stimmlich hat sie allerdings mit den kurzen Höhen, auf die sie der erzählende Singstil treibt, zu kämpfen und kann den einen oder anderen unschönen Kiekser nicht vermeiden. Aus dem Orchestergraben klingen die Dortmunder Symphoniker, dirigiert von Ingo Martin Stadtmüller, über die Boxen manchmal etwas wuchtig, treffen aber den Hollywood-Sound perfekt.

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