Tecklenburg tanzt: Ausgelassene Premiere von „Saturday Night Fever“

TECKLENBURG / AHLEN   Discokugel, Neonlicht und satte Beats: In Tecklenburg ist das „Saturday Night Fever“ ausgebrochen und hat bei der Premiere am 22. Juli gut 2.300 Zuschauer angesteckt. Wäre mehr Platz zwischen den Bankreihen gewesen, hätte das Publikum zu den Hits der Bee Gees („Night Fever“, „Stayin‘ alive“, „How deep is your love“), die den Soundtrack für den Hollywood-Streifen aus dem Jahr 1977 lieferten, sicher getanzt.  So beschränkte es sich auf „Sitztanz“, bejubelte jeden Song des großartigen Ensembles und sparte am Ende nicht mit lang anhaltendem Applaus.
Zu Recht, denn das, was Regisseur Ulrich Wiggers da auf die große Freilichtbühne gebracht hat – erstmals ist das Musical Open Air zu sehen – hat hohen Unterhaltungswert, Humor, Dramatik und Tiefgang. „Saturday Night Fever“ ist nämlich viel mehr als nur die oberflächliche Tanz-Story des Tony Manero, wie sie vielleicht viele noch aus dem Kinofilm in vager Erinnerung haben. Hier geht es auch um Arbeitslosigkeit, ungewollte Schwangerschaft, Priester mit Glaubenszweifeln und Selbstmord – anspruchsvolle Themen, die in längeren Dialogen verhandelt werden und das schauspielerische Können der Darstellerriege fordern. So hat Alexander Klaws, der den Tony Manero spielt, außer bei seinen Auftritten in einer TV-Seifenoper wohl noch nie so viel Text in einem Bühnenstück gehabt. Aber auch hier zeigt er wieder seine Vielseitigkeit, denn den schnodderigen, aber gefühlvollen, etwas einfältigen Underdog, der sein Glück im Discotanz sucht und in der alle sozialen Schranken überwindenden Freundschaft mit Stephanie findet, kann man dem gebürtigen Sendenhorster ohne Mühe abnehmen. Und dann darf er natürlich alles abrufen, was den mehrfach als „Bester Musicaldarsteller“ Ausgezeichneten ausmacht: Seine Fähigkeit, sich in die jeweilige Rolle einzufühlen, tänzerisches Können – „Let’s dance“ lässt grüßen – und natürlich die gesanglichen Qualitäten, für die er zuletzt wieder als „Jesus Christ Superstar“ in Dortmund und Basel beste Kritiken erntete (siehe auch „Kultur rundum“ vom 26.1.2016 und 20.10.2014) . Mit ihm auf der Bühne stand diesmal seine Lebensgefährtin Nadja Scheiwiller in der Rolle der Stephanie. Die Upperclass-Tussie mit Standesdünkel hat sich eine Fassade aufgebaut, die nach und nach bröckelt, und auch sie muss am Ende einsehen, dass Vertrauen und Freundschaft mehr wert sind als Geld und sozialer Status. Scheiwiller kann ebenso zickig-arrogant wie verletzlich-liebebedürftig sein und überzeugt vor allem durch ihre geschmeidigen, sehr schön anzusehenden Moves in den Tanzszenen. Das übrige Ensemble steht den beiden Hauptdarstellern in nichts nach: Ob Lisa Kolada als enttäuschte Ex-Tanzpartnerin Maneros, Thomas Hohler (Bobby C) und Karim Ben Mansur (Double J) als Tony`s beste Kumpel oder Christian Schöne, der den genialen Disco-Anheizer gibt – sie alle schaffen es, ihre Charaktere in den knapp zweieinhalb Stunden eindrücklich mit Leben zu füllen. Manchmal hätten vielleicht etwas weniger Körperdramatik und Stimmkraft in den Dialogen gereicht, aber auf der größten Freilichtbühne Deutschlands braucht es wohl auch die ganz großen Gesten. Und die gehören bei „Saturday Night Fever“ ja sowieso dazu – von der Travolta-Pose mit nach oben gestrecktem Arm bis zum Massen-Disco-Tanz.  Hakan T. Aslan gelingt es, die Originalchoreografie der 70-er Jahre mit modernen Elementen zeitgemäß aufzupeppen. Auch das Bühnenbild von Susanna Buller und die Kostüme von Karin Alberti verbinden Anklänge an die Entstehungszeit mit aktuellen Details. Gleiches gilt für die – wie immer in Tecklenburg – souverän aufspielende Band unter der Leitung von Klaus Hillebrecht, die mit viel Bläser- und E-Gitarren-Groove Stimmung macht.
Ach ja, und dann war da noch Alexander Klaws  in Unterhosen: Nur in Boxershorts vor dem Spiegel stehend, sorgte er mit seinem athletischen Körper (der wohl schon auf die Tarzan-Rolle ab November in Oberhausen trainiert wird) bei den weiblichen Fans für hysterisches Gekreische und  echtes „Night Fever“. Ein zusätzlicher Grund also, sich die Tecklenburger Version des Disco-Spektakels nicht entgehen zu lassen.
Aufführungstermine und Tickets unter www.buehne-tecklenburg.de.

Von Markus Möhl

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