Ruhrfestspiele Recklinghausen: Ein großer Theaterabend mit Edgar Selge in „Unterwerfung“

RECKLINGHAUSEN   François ist Universitätsprofessor an der Pariser Sorbonne. Die besten Jahre hat er hinter sich. Gelegentlich kriegt er noch eine Studentin ins Bett, eine echte Beziehung ist ihm aber versagt geblieben. Der Job ist Routine, zumal der Bewunderer des französischen Autors  Huysmans sowieso nie Lust auf eine Dozentenkarriere hatte. Und Gedanken an Selbstmord schleichen sich auch immer wieder in sein eintöniges Dasein.
Das ist die Hauptfigur des Romans „Unterwerfung“ von Michel Houellebecq – erschienen am Tag des Anschlags auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo am 7. Januar 2015. Dadurch bekam das Werk des 60-Jährigen Schriftstellers doppelte Brisanz, denn Houellebecq lässt in einer Art Zukunftsvision, die im Jahr 2022 spielt, den ersten muslimischen Präsidenten Frankreichs als Folge eines Bündnisses aller Parteien gegen die erstarkenden Rechten an die Macht kommen. Der neue Machthaber islamisiert das Land schleichend, aber effektiv – die Arbeitslosenzahlen und die Kriminalitätsrate sinken – und stößt dabei auf wenig Widerstand. Auch François wird Muslim, überwindet so zumindest vordergründig seine Lebenskrise und kann, verbunden mit zusätzlichen „Annehmlichkeiten“ wie einer exklusiven Wohnung und ausgesuchten Ehefrauen, seine Lehrtätigkeit an der Sorbonne wieder aufnehmen.
Bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen (Premiere am 27.5.) spielt Edgar Selge diesen Literaturwissenschaftler – und er spielt ihn großartig. Über zweieinhalb Stunden dichten Romantext lässt der Adolf-Grimme-Preisträger so lebendig werden, dass keine Sekunde Langeweile aufkommt. Politische Analysen und religionstheoretische Diskussionen trägt er ebenso unterhaltsam vor wie die erotischen Abenteuer des abgehalfterten Professors mit verschiedenen Studentinnen und seiner Fast-Beziehung, der Jüdin Miriam, die aufgrund der politischen Entwicklung auswandert. Die anderen Akteure zeichnet er in den oft komplexen Dialogen derart lebhaft vor Augen, als wären sie auf der Bühne präsent. Auch körperlich leistet der 68-jährige Selge Erstaunliches: Immer wieder steigt er in ein überdimensionales, aus einem großen Kreis ausgestanztes, sich drehendes Kreuz (Bühne: Olaf Altmann), muss darin klettern, sich abstützen, sich verbiegen – ein nach außen sichtbares, inneres Ringen um die Werte und Traditionen des christlichen Abendlandes. Und bei all dem erliegt Selge nicht, wie viele seiner Schauspielerkollegen, der Versuchung, durch Gestus und Sprechmanierismen künstliche Theaterattitüde herzustellen. Karin Beiers Regie lässt ihn eher Volksschauspieler sein, der komisch und ernsthaft, verschmitzt und belehrend zugleich sein darf – mit viel Zuschauerkontakt („Ich komm jetzt mal zu Ihnen rüber“) immer als aufrichtiger Vermittler zwischen Plot und Publikum. Am Ende – das Kreuz ist weg, ein großes Loch bleibt – steht François geläutert, erleichtert da, im weißen Kaftan, gut gelaunt und aufgeräumt. Im Islam hat er seine persönliche Erlösung gefunden, eine Ordnung, die ihm im kollabierenden, westlichen Wertesystem verloren gegangen war. Nur der Bühnennebel verschleiert noch die nachhaltigen Konsequenzen seiner „Unterwerfung“ über den momentanen Zufriedenheitszustand hinaus.
Ein großer Theaterabend mit einem brillanten Edgar Selge, der völlig zu Recht kräftigen und lang anhaltenden Beifallsjubel erntete.
Von Markus Möhl

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