Kraftakt: „Das Leben ein Traum. Calderón“ in Recklinghausen

RECKLINGHAUSEN   Das war ein Kraftakt: 160 Minuten geballte Schauspieler-Power erlebten die Zuschauer der Ruhrfestspiele Recklinghausen bei der Premiere von „Das Leben ein Traum. Calderón“ in der Inszenierung von Festspielleiter Frank Hoffmann (Premiere am 10.05.2016).  Der begeisterte Schlussbeifall für das mit Wolfram Koch, Dominique Horwitz und Hanna Schygulla erstklassig besetzte Ensemble kann jedoch nicht darüber hinweg täuschen, dass das ohne Pause gespielte Stück für das Publikum zur Geduldsprobe wurde, der Etliche nicht standhielten und vorzeitig den Saal verließen.
Zu sperrig und ohne inhaltlich nachzuvollziehenden Fluss bröckelt der ohnehin schon komplizierte Plot vor sich hin, als dass man ein Packende finden könnte für das, was sich auf der Bühne abspielt. Denn zusätzlich zu den drei Handlungsebenen, die Pier Paolo Pasolini in seinem Werk „Calderón“ einzieht – er lässt das Mädchen Rosaura aus einem Traum in drei unterschiedlichen Gesellschaftsschichten aufwachen – verlegt Frank Hoffmann das Geschehen noch in unterschiedliche Zeiten und arbeitet Figuren aus dem historischen Stoff „Das Leben ein Traum“ ein. Pasolinis desillusionierte Einsicht über das Scheitern von Revolutionen, die in ihrem Kern schon wieder kleinbürgerlich sind, verwässert so, und bemüht wirkende, aktuelle Bezüge zum Beispiel zur Flüchtlingskrise verwirren eher als dass sie entschlüsseln. Da hilft auch das Programmheft nicht weiter, das auf sieben (!) Seiten versucht, den dramaturgischen Ansatz Hoffmanns und seines Teams zu erklären.
Aus der Riege des mit hohem Kraftaufwand agierenden Ensembles ragt Wolfram Koch heraus, der immer wieder für großartige Theatermomente sorgt. Wenn der als „Tatort“-Kommissar bekannte Mime  den „Tick“ des seit Jahren in einem Turm von der Außenwelt abgeschirmten Königssohn Sigismondo zelebriert oder vom gestelzten Theaterton in den Alltagssound wechselt, dann ist das äußerst sehenswert. Nicht ganz so detail- und facettenreich agieren seine Mitstreiter: Dominique Horwitz spielt den König Basilio roh, gewalttätig und skrupellos, schnarrt, knarzt und schreit seine Texte, während Jacqueline Macaulay als Hauptfigur Rosaura immer das Mädchen bleibt, hin- und hergerissen zwischen jugendlicher Naivität und erwachsenem Erkenntnisgewinn. Hanna Schygulla, die für die ursprünglich besetzte Hannelore Elsner kurzfristig eingesprungen ist, verfällt als „Alter ego“ von Rosaura in eine Art monotonen Singsang. Damit gibt sie gerade der Schlusssequenz, die die Zustände in einem Konzentrationslager beschreibt, eine eindringliche, bewegende Tiefe. Solche Momente bleiben allerdings spärlich in einer Inszenierung, die inhaltlich überfrachtet ist und damit wenig Möglichkeiten bietet, „Verwertbares“ mitzunehmen. Ob Pasolini das meinte, als er 1986 in seinem Theatermanifest schrieb: „Das Theater, das ihr erwartet, kann nicht mehr sein, als das Theater, das ihr erwartet“?

Von Markus Möhl

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