Auf dem Weg zum Kult: „Jesus Christ Superstar“ in Dortmund

Dortmund, 20.10.2014  Von Markus Möhl    Man muss kein Prophet sein um vorherzusagen, dass „Jesus Christ Superstar“ der absolute Renner dieser Spielzeit am Dortmunder Opernhaus wird. Das jedenfalls bewies schon die Premiere am Sonntagabend vor ausverkauftem Haus: Ausgiebige, stehende Ovationen für das gesamte Ensemble, vor allem für den gebürtigen Sendenhorster Alexander Klaws („Tarzan“, „Let’s dance“) als sängerisch und schauspielerisch auf ganzer Linie überzeugender Jesus.
Regisseur Gil Mehmert verlegt das biblische Geschehen konsequent in die Gegenwart und zieht das Publikum so in den alten biblischen Stoff mit hinein. Die Kostüme entsprechen der heutigen Mode, die Bühne (Beatrice von Bomhard) ist eine offene Arena, die mal zum Gerichtssaal, mal zum öffentlichen Platz wird. Judas bekommt seinen Lohn für den Verrat im Geldkoffer, das letzte Abendmahl wird mit Wein aus Plastikbechern bestritten und in der Menge des Volkes kann auch schon mal ein BVB-Sweatshirt auftauchen.
Noch mehr als auf Äußerlichkeiten setzt Gil Mehmert aber auf die Emotionen, die in der Musicalversion des Bibelstoffes von Tim Rice (Text) und Andrew Lloyd-Webber (Musik) angelegt sind, und schafft so viele Identifikationsmöglichkeiten mit den einzelnen Figuren. Patricia Meeden, mit ihrem souligen Timbre sicherlich eine der stimmlichen Entdeckungen des Abends, ist eine selbstbewusste Maria Magdalena. Sie weiß zwar um die Aussichtslosigkeit ihrer Liebe zu Jesus, kann sich aber dessen Anziehungskraft nicht entziehen. David Jakobs spielt den Judas als starken Gegenpart zu Jesus, der hin- und hergerissen ist zwischen Loyalität und Verweigerung. Die gesanglichen Duelle der beiden sind von einer enormen Intensität und hinterlassen Gänsehaut. Und dann der „Superstar“: Alexander Klaws zeigt den Menschen Jesus mit all seinen emotionalen Facetten, führt ihn vom Hochgefühl der Verehrung durch seine Jünger und viele Frauen bis zur nackten Angst vor der Kreuzigung und der tiefen Einsamkeit am Kreuz. Klaws hält diese Extreme zusammen, sein Spiel wirkt an keiner Stelle bemüht, sondern ehrlich und anrührend. Und spätestens mit dieser Rolle dürfte der erste „DSDS“-Gewinner wohl auch sein Schmusesänger-Image abgelegt haben, denn als Jesus kann er vor allem die rauen, rockigen Töne anschlagen und seine erstaunliche stimmliche Bandbreite zeigen. In den Nebenrollen, die ebenfalls bestens besetzt sind, brillieren Kammersänger Hannes Brock als dämonischer, an den „Clown“ aus den Batman-Filmen erinnernder Herodes, und Mark Weigel (Pontius Pilatus), der als schmierig-machtbesessener Agitator im Diplomaten-Outfit das Volk aufhetzt.
Trotz des „Superstars“ Klaws ist die Dortmunder Inszenierung der Rock-Oper aber vor allem eine Teamleistung: Der ausgezeichnete Opernchor (Granville Walker), die präzise aufspielende Band (Jürgen Grimm), eine moderne Choreografie, ausgeklügelte Lichteffekte und gut abgemischter Ton – alles Garanten dafür, dass „Jesus Christ Superstar“ in Dortmund schon jetzt das Zeug zum Kult hat.

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